Grenze zu Farnestan

  • Der Wagen mit Salah ibn al-Ali nähert sich einem Grenzübergang im Westen des Landes. Ihn hat man gewählt, da er näher am sunnitischen Siedlungsgebiet der Provinz Mohammedania liegt und man so hofft, den Machtbereich des schiitischen "Obersten Rechtsgelehrten" in Fazar zu umgehen. Jenseits der Grenze warten Gesinnungsgenossen. Jedenfalls hofft man das.


    Am Grenzübergang, wenn man die Hütte am erstaunlich klaren See neben der Straße als Markierung betrachten will, sitzt ein alter Greis in schmuckloser Uniform an einem Tisch und spielt mit einem kleinen Mädchen ein seltsames Brettspiel, von dem beide nicht aufschauen, egal welche Wagen über die Grenze rollen mögen. Am See liegt ein junger Mann im Schatten einiger Büsche und scheint zu schlafen, egal wie laut die alten Motoren aufheulen mögen.


    Der Fahrer bremst behutsam ab und bringt den Wagen wenige Meter neben dem Greis und dem Mädchen zum Stehen. Er hätte auch beschleunigen und die Grenze einfach passieren können, aber er will nicht unnötig Aufmerksamkeit erregen.


    Der Alte schaut schläfrig auf. "Braucht Ihr etwas zu trinken oder essen, geehrte Herren? Oder warum haltet Ihr an?" Das Mädchen eilt sofort in Richtung Hütte los, scheinbar um dort Gewünschtes herbeizuschaffen. Der Fahrer ärgert sich insgeheim, dass er nicht einfach weitergefahren ist, lässt sich aber nichts anmerken und bestätigt den Durst der Fahrzeuginsassen.


    "Wir haben Wasser und Kaktusfeigensaft. Oder wollt ihr lieber Tee? Die Ziegenmilch wird nur für den Tee reichen." Drinnen hört man einen Gaswasserkocher, denn das Wasser muss in jedem Fall abgekocht werden. "Wasser reicht völlig. Nur keine Umstände", sagt der Fahrer.

    Der Alte nickt verstehend und kurze Zeit später kommt das Mädchen mit einem Tablett und vier Bechern mit dem abgekochten Wasser an. Die Kleine hält dabei immer den Blick abgewendet. Derweil hält auch ein kleiner verschrammter Lieferwagen auf den Posten zu und fährt ohne stark die Geschwindigkeit zu verringern, an dem wartenden Wagen und dem Posten vorbei.


    Der Fahrer sieht sich das Mädchen ganz genau an und nimmt dann ohne ein Wort des Dankes zunächst zwei Becher entgegen. Er reicht sie an die Fahrzeuginsassen weiter, bevor er zum nächsten Becher greift und ihn selbst in scheinbar einem Zug leert. Den Lieferwagen, der vorbeirauscht, nimmt er zwar wahr, beachtet ihn aber kaum.


    Die Kleine ist an der Grenze zur Pubertät und unter ihrem dünnen, aber sauberen Hemdchen formen sich bereits deutlichere Brüste. Sie fühlt sich unter dem Blick eines fremden Mannes und seiner Begleiter deutlich unwohl. Ihre Angst ist fast greifbar. Der Alte ist zur Hütte zurückgewichen, der Junge liegt nicht mehr nur noch im Gras, sondern schaut sehr wachsam herüber.


    Sehr zu Salahs Missfallen streichelt der Fahrer dem Mädchen über die Wange. Salah zischt ihm leise, aber entschieden ins Ohr: "Lass das, Mann! Wir müssen weiter!" Das Mädchen erstarrt, lässt das Tablett fallen und stolpert aufschreiend zurück. Der Junge zieht ein Messer aus seinem Gürtel, macht aber nur einen unentschlossenen Schritt Richtung Auto. Der Alte ist in der Hütte verschwunden, man hört es dorther nur dumpf poltern, als würde jemand etwas suchen.


    "Los, Du verdammter Narr, steig ein!", faucht Salah den Fahrer an. Dieser wendet sich von dem Mädchen ab und springt zurück ins Auto, um eilig den Motor zu starten.


    In dem Moment, wo das Auto losfährt, sehen sie den Greis mit einem alten Gewehr zurück durch die Tür humpeln und der Junge läuft zu seiner Schwester - die Ähnlichkeit ist jetzt offensichtlich. Der Fahrer tritt wie verrückt aufs Gaspedal, die Räder drehen durch. Hinter dem Wagen bildet sich eine mächtige Staubwolke. Der Junge zieht das Mädchen in die Arme und weg vom Wagen und der Alte flucht hinter den Reisenden her.


    Eine große Staubwolke hinter sich herziehend entfernt sich der Wagen vom Kontrollposten und überquert die Grenze zu Farnestan. Salah flucht und beschimpft den Fahrer aufs Übelste.

    Wächter der Schöpfung


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