[Büffelfurt] Salon von Madame Elgger

  • Ein Schwergewicht der Forschung ist die Herstellung von kultiviertem Fleisch. Also von in-vitro-Fleisch, wie es wissenschaftlich genannt wird. Vielleicht haben Sie davon ja schon gehört.


    Die Produktion von pflanzlichen Lebensmittel geschieht in den Hügelstädten auf biologischer Basis und solche Lebensmittel stehen auch im Überfluss zur Verfügung. Hingegen muss das Fleisch zum grössten Teil importiert werden und da weiss man ja nie, was man genau bekommt. Ausserdem ist das massenhafte Schlachten von Tieren in der heutigen Zeit bei unseren Leuten immer mehr verpönt. Man kann ja auch nicht auf der einen Seite mit den Hügelstädten Ressourcen schonen und biologische Landwirtschaft betreiben und auf der anderen Seite Tierfabriken betreiben. Das beisst sich irgendwie.


    Im Gegensatz zu anderen Ländern wird hier die Forschung für kultiviertes Fleisch nicht durch eine übermächtige Agrarlobby behindert. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, dann wird man in den Hügelstädten das vom Konsumenten gewünschte Fleisch im industriellen Massstab synthetisch herstellen. Dieses Fleisch hat übrigens nicht nur den Vorteil, dass es ohne das Töten und Quälen von Tieren produziert wird, sondern es ist auch natürlicher, also ohne jeden Zusatz von Antibiotika und solchen Geschichten, die regelmässig negative Schlagzeilen verursachen.


    Na, Mister Burton, das hätten Sie jetzt nicht gedacht, dass der Schwarze Hahn an Laborfleisch herumexperimentiert.

  • Korrekt. Das hätte ich nicht mal ansatzweise für möglich gehalten. Ich bin einigermaßen beeindruckt!


    Nicht dass die noch auf die Idee kommen, mir die Jagd verbieten zu wollen...

  • Man kann den Ansatz mit diesem Laborfleisch ja noch weiterspinnen und das tun unsere Wissenschaftler auch, aber das ist ein anderer Forschungsschwerpunkt. Wenn man Fleisch künstlich wachsen lassen kann, dann geht das sicher auch mit anderen Sachen wie Nieren, Herzen, Knochen, Armen und Beinen usw. Stellen Sie sich vor, was das für ein Fortschritt für die Medizin darstellen wird. Einem Herzkranken kann sein eigenes neues Herz eingesetzt werden, einem Nierenkranken neue Nieren, einem Alkoholkranken eine neue Leber usw. etc. pp.


    Und möglicherweise kann man sogar fehlende Gliedmassen nachwachsen lassen. Es gibt da in Stralien einen Molch mit Namen Axolotl, dem wachsen abhanden gekommene Gliedmassen nach. Als sich unsere Truppen aus Stralien zurückzogen, haben sie viele Exemplare dieses Molches hierher gebracht und unsere Wissenschaftler tüfteln mit Hochdruck daran, ihm sein Geheimnis der nachwachsenden Gliedmassen zu entlocken.

  • Wenn ich mir Burton so anschaue, könnte der auch eine neue Leber vertragen.



    Möglicherweise ist damit der Tod, wenn er denn natürlich eintritt, besiegt. Sie sehen also, Mister Burton, der Schwarze Hahn forscht an bahnbrechenden Sachen. Dagegen sind diese ordinären Leute in Aquatropolis, die sich gerne als das Mass der Dinge in Forschungssachen sehen, Amateure. Die sind auf dem Niveau von Science-Fiction-Literatur der 1960er Jahre stehen geblieben. Der Schwarze Hahn aber plant und gestaltet die Zukunft der 2040er Jahre!

  • Und es kommt noch besser! Mögen Sie sich an die Zeit erinnern, als man den PC periodisch mit Disketten sicherte? Zum Beispiel am Freitagabend, bevor man das Büro verliess; das konnte dann ja gut und gerne Stunden dauern. Die Speicher wurden dann immer grösser und die Datenübertragungszeit immer schneller und heute geschieht ja soetwas laufend im Hintergrund; man nimmt das gar nicht mehr wahr.


    Namhafte Forscher behaupten, man kann auch ein Abbild des Gehirns kopieren. Warum eigentlich sollte das nicht möglich sein, so frage ich Sie? Und wenn man Ihr Gehirn zu einem bestimmten Zeitpunkt, sagen wir heute um 11.35 Uhr 43 Sekunden, dupliziert und in einem Speicher gesichert hat, dann kann mit Ihrem Körper geschehen was will - Sie leben noch im Zwischenspeicher. Und nun kann man mit dem Geheimnis des Axolotl-Molchs einen neuen Mr. Burton nachwachsen lassen - vorausgesetzt es sind ein paar Stammzellen von Ihnen irgendwo hinterlegt. Und in das Gehirn dieses Klons überträgt man dann die Gehirndaten aus dem Zwischenspeicher des alten Mr. Burton und schon ist er wieder hergestellt, mit seinem Wissen Stand heute um 11.35 Uhr 43 Sekunden!


    Wie mit der Weiterentwicklung der früheren Disketten kann man es vielleicht irgendwann technisch so einrichten, dass Ihre Gehirndaten laufend an einen Speicher übermittelt werden. Analog wie ihre Daten heute zeitverzugslos von Ihrem Mobiltelefon, Tablet oder PC in eine Cloud strömen und dort gespeichert werden. So wäre der Verlust extrem gering, sollten Sie zu Tode kommen. Und Sie brauchen den Tod gar nicht mehr zu fürchten, denn Sie können ja jederzeit wieder hergestellt werden.


    Also so oder ähnlich hat es mir einer der führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet bei einem Dinner kürzlich erklärt. Selber verstehe ich davon natürlich nur wenig.


    Nimmt einen Schluck Tee und beobachtet verschmitzt die Reaktion Ihres Gegenübers.



    Möchten Sie noch etwas trinken, Mr. Burton? Einen Tee vielleicht oder doch etwas Härteres? Whisky?

  • Aber dieser Klon... das wäre dann ja trotzdem nicht ich... richtig? Er wäre nur eine Kopie mit meiner Erinnerung. Was bringt mir das also, wenn ich tot bin...?


    Ich glaube... ich brauche jetzt einen Whisky...

  • Schmunzelt und lässt dem Gast durch das Dienstmädchen einen doppelten Whisky einschenken.



    Mit Eis?


    Nun, vielleicht müssten wir noch ein paar Philosophen zu unserer kleinen Konversation beiziehen, die uns erklären, wer oder was wir sind in Raum und Zeit, doch ich befüchte, wir würden darob Kopfschmerzen bekommen. Mir scheint dennoch, dass wir die Summe unserer Erinnerungen sind und wenn die wieder da sind in unserem vertrauten geklonten Körper, dann sind wir doch wieder unter den Lebenden. eigentlich können wir gar nie sterben, solange unsere Erinnerungen irgendwo leben.


    Sollten diese Forscherträume dereinst wahr werden - und es gibt sehr viele Gründe anzunehmen, dass sie es in absehbarer Zeit werden - dann wird sich der Mensch zum homo deus weiterentwickelt haben und muss die menschliche Gesellschaft neu erfinden. Doch wie ich den Zwölferrat kenne, wird es ihm dabei nicht darum gehen, sondern um die Schaffung des universal soldier. Stellen Sie sich vor, wie schlagkräftig eine Armee aus lauter unsterblichen Veteranen wäre, die den Tod nicht zu fürchten hätten.


    Nimmt einen weiteren Schluck Tee und beobachtet erneut Burtons Reaktion.

  • Trinkt einen großen Schluck Whisky.



    Meine Familie stammt aus Albernia, Madame. Dort habe ich die ersten zwei Jahrzehnte meines Lebens verbracht.

  • Ah, wie die meisten Schwarzhahnisten. Das Heer des Schwarzen Hahns ist ein Infanterieheer; wohl 80% aller Angehörigen dienen bei der Infanterie. Sie waren sicher bei der albernischen Fallschirminfanterie; viele Militärdienstleister haben ihre militärischen Wurzeln bei den Fallschirmjägern.


    Trinkt wieder ein Schlückchen ihres Tees.



    Übrigens wird bei uns nicht nur an technischen Sachen intensiv geforscht, sondern wir versuchen auch, gesellschaftlich fortschrittlich zu sein. Wir haben zum Beispiel das Bedingungslose Grundeinkommen in den Hügelstädten eingeführt. Dem sozialen Frieden war das sehr bekömmlich. Die Alternative wäre ein repressiver Staat gewesen, doch er schien dem Zwölferrat teurer als die Einführung des BGE.

  • Die Finanzierung erfolgt meines Wissens aus einem bunten Mix: Steuern, Zölle, Abgaben der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Gewinnausschüttung von stattlichen Betrieben und dergleichen.


    Und Arbeiten tun die Menschen genau gleich wie vorher. Das BGE deckt zwar das Existenzminimum ab, aber nicht mehr. Wer bisher zu faul war zum Arbeiten, der wird dies auch beim BGE bleiben. Aber hier in den Hügelstädten muss niemand um seine Existenz fürchten und hat mehr Zeit als anderswo für seine Selbstverwirklichung. Und er hat Geld, das er in den Wirtschaftskreislauf einbringen kann.


    Ohne das BGE hätten wir Massen von Menschen, die - weil sie ständig um ihre Existenz kämpfen müssen, aggressiv und unzufrieden wären. Mit dem BGE haben wir Menschen, die sich etwas leisten können, dies auch tun und die sich vielfältig zum Wohle der Gesellschaft einbringen, z.B. durch Kinderbetreuung, biologischen Gartenbau usw. Schauen Sie mein Dienstmädchen an: Es könnte mit dem BGE zufrieden sein, aber es gefällt ihr natürlich, etwas dazu zu verdienen und bald wird sie mit einem netten Mann eine bessere Wohnung in Büffelfurt oder woanders kaufen können.

  • Woher kommt das Geld, um all das zu finanzieren? Immerhin haben Sie Ihre Hügelstädte ja quasi auf der grünen Wiese, von Null, aufbauen müssen. Und die Konfrontation mit Astor dürfte den Hahn auch einiges gekostet haben...

  • Nippt an ihrem Tee.



    Die Hügelstädte und überhaupt die Infrastruktur wird von ODIN gebaut. Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, aber ich glaube, die Abkürzung bedeutet Organisation für die Durchführung der Integration der Neuankömmlinge, irgendsoetwas. Faktisch ist das ein Arbeitsdienst für die neu zum Schwarzen Hahn dazugestossenen Menschen.