Wanderungen durch das Schwarzhahnland

  • Über der Savanne zieht ein Steppenadler seine Kreise. Seine Konzentration gilt dem Boden, er sucht Beute. Aus Renzia ist er hergeflogen, wo er seine Brut in einem Horst am Boden in der Steppe Andros aufgezogen hat. Nun überwintert er schon zum fünften Mal in der Savanne. Ein hoher Vulkan, der sich aus der eintönigen Landschaft wie aus dem Nichts erhebt, ist die Wegmarke für diesen grössten Raubvogel des Schwarzhahnlandes. Natürlich weiss der Adler nicht, dass die Menschen den Berg „Jungfrau“ nennen. Der Vogel weiss auch nicht, dass der unendlich lange Wurm am Boden, der sich mit mässiger Geschwindigkeit in Richtung des Sonnenunterganges bewegt, ein Zug ist, der Baumaterial von Ratharienberg nach Eulenheim bringt, damit dort an einer Hügelstadt weitergebaut werden kann.


    Manchmal gibt es Fallwild dort, wo der Wurm entlang gekrochen ist, doch die Geier sind immer schneller als der Steppenadler. Natürlich würde der Adler mit einem Geier kurzen Prozess machen, doch diese Biester kämpfen im Schwarm und können dadurch selbst ihm gefährlich werden. Einmal hat er es probiert, doch die Sache ist schiefgelaufen. Lachender Dritter war ein Löwenmännchen, ein alter Einzelgänger, vor dem haben sich die Geier zurückgezogen, mit viel Geschrei und Gekreisch. Zur Zeit sieht der Adler aber keine Geier - dafür hat er eine Erdmännchenkolonie erspäht. Keine leichte Beute, schwerer zu packen als die Ziesel in den Steppen Andros. Das sind vielfach Einzelgänger. Aber die Erdmännchen arbeiten in der Gruppe und immer sind die Wächter unter ihnen auf der Hut.


    Nichtsdestotrotz entscheidet sich der Steppenadler für einen Angriff.

  • Mehrere Sicherheitsleute begleiten Vichiers und öffnen eine Sicherheitsbarriere nach der anderen. Schliesslich ist Vichiers am Ziel: Vor ihm, tief im Innern von Bellevue-4, steht ein Tank am anderen. Nach einer kurzen Begrüssung erläutert der wissenschaftliche Leiter dem Gast das Projekt:


    „Hier haben wir die Lösung, wie Agrarprodukte für die Menschheit zukünftig gewonnen werden. Die PLR, die Postlandwirtschaftliche Revolution, gewährt die Möglichkeit, pflanzliche und tierische Produkte ohne Pflanzen und Tiere konsumieren zu können. Die auf zelluläre Verfahren basierende Produktion von Lebensmitteln ermöglicht einen Ernährungsstil, der cegan genannt werden kann. Das veg leitet sich von Vegetation bzw. Pflanzen ab, das ce von cell bzw. Zelle.


    Die pflanzlichen und tierischen Produkte werden aus Stammzellen gewonnen, die in Nährlösungen wachsen. Es braucht keine Felder mehr und wir müssen keine Tiere mehr schlachten. Die PLR wird das Antlitz des gesamten Planeten in den nächsten 50 Jahren radikal verändern. In diesen Tanks wachsen Kartoffeln, Milch, Fleisch, Baumwolle und weitere Produkte heran, alles hocheffizient und extrem naturschonend. Und natürlich viel gesünder, ohne Pflanzenschutzmittel, Antibiotika und solches Zeugs.


    Der gemeinsame Ansatz, um Fleisch ohne Tiere und pflanzliche Produkte ohne Pflanzen hervorzuzaubern, besteht darin, dass man den jeweiligen Organismen etwas Gewebe entnimmt, daraus Stammzellen isoliert, aus ihnen mehr Stammzellen züchtet, diese in einen Bioreaktor steckt, wo sie differenziert und massiv vermehrt werden.“


    Vichiers hört den weiteren Ausführungen des Weisskittels stauend und ehrfürchtig zugleich zu und ist sich bewusst, dass hier gerade Geschichte geschrieben wird. Es ist ihm auch klar, dass so ein Projekt wie die PLR nur in einem autokratischen Land wie dem des Schwarzen Hahns zügig voranschreiten kann - überall sonst hätten die Landwirtschaftslobby und das Grosskapital das Ganze längst abgewürgt.


    „In den nächsten Jahren werden im Innern jeder Hügelstadt im Schwarzhahnland qualitativ sehr hochwertige Lebensmittel produziert werden, auch für den Export“, fährt der wissenschaftliche Leiter fort. „Der viel geschmähte Schwarze Hahn wird damit viel innovativer und humaner sein, als seine ausländischen Kritiker, die rückständig an herkömmlicher Landwirtschaft festhalten und damit den Planeten zerstören.“


    gewesener Rektor der Universität des Schwarzen Hahns

    Wissenschaftlicher Berater des Zwölferrates des Schwarzen Hahns

  • Auf dem höchsten Punkt der Hügelstadt Büffelfurt-1 steht der Turm des Vogts, die Residenz des Obersten von Elgger und seiner Frau. Sie ist unbestritten die erste Dame in Büffelfurt und auch die schönste. Von ihrer Aussichtsplattform auf dem Turm sieht sie kilometerweit in die Savanne. Die unmittelbare Umgebung allerdings sind die sechs Hügelstädte Büffelfurt-2 bis 7, welche symmetrisch um die zentrale und leicht erhöhte Hügelstadt Büffelfurt-1 gelegen sind.


    Madame von Elgger beobachtet die Herden von Gnus und Zebras, die in der Savanne grasen; die Krokodile, die auf den Sandbänken des Grossen Korokodilflusses sonnenbaden und die Flusspferde, die neben den grossen Reptilien ihre Jungen abschotten.


    Die Hügelstädte sind eigentlich fertig gebaut, doch fehlen noch Menschen. Erst sechzig Prozent der Wohnungen sind vergeben. Es wird Zeit, dass der Schwarze Hahn wieder aktiver wird, damit Menschen in sein Reich kommen und Madame Elgger über diese zumindest in Büffelfurt herrschen kann.